Stieg Larssons Verblendung – Original oder Remake?

Bildquelle: http://milw.org

Die Krimi-Romane von Stieg Larsson „Verblendung“, „Verdammnis“ und „Vergebung“ sind spätestens seit der Verfilmung von ZDF Enterprises und dem schwedischen Fernsehen unter der Regie von Niels Arden Oplev (Verblendung) und Daniel Alfredson (Verdammnis, Vergebung) in allen Köpfen. Unter dem Titel der „Millennium-Trilogie“ wurden sie zu den erfolgreichsten Filmen der Neuzeit aus Schweden. Und dann kommt Hollywood und macht für 2011/2012 ein Remake von „Verblendung“. Was sind die Motive für diese Neuverfilmung? Geldgier? Langeweile? Fehlende Ideen? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, einfach weiterlesen.

Ursprünglich war die Verfilmung der Stieg-Larsson-Reihe 2005 als sechsteilige Fernsehserie für das schwedische und deutsche Fernsehen geplant, so wurde der erste Teil, „Verblendung“, bereits in dem Jahr als verkürzte Fassung im Kino gespielt.
Für alle, die sich noch nicht den Genuss der Filme gegönnt haben, hier eine kurze Zusammenfassung des Plots für „Verblendung“ (ganz ohne Spoiler, versprochen):
Der Journalist Mikael Blomkvist hat sich aufgrund unsicherer Quellen in einer Story die Finger verbrannt. Nun droht ihm eine Gefängnisstrafe. Bis zur Veröffentlichung des Urteils wird er durch das Oberhaupt einer Industriellenfamilie, Henrik Vanger, dafür beauftragt, einen 40 Jahre alten Mord aufzuklären. Während der Recherchen trifft er später auf Lisbeth Salander, die ihm bei der Aufklärung hilft.

An dem schwedischen Original aus 2009 kann man überaus deutlich erkennen, dass das ZDF seine Finger im Spiel hat. In bekannter Tatort-Manier konzentriert man sich hier auf die Aufklärung des Mordfalls. Die Charaktere sind schlüssig dargestellt und wirken glaubwürdig, so dass man mit Interesse die Spurensuche verfolgt. Doch irgendwie wirkt die ganze Umgebung ein wenig verstaubt und abgedroschen. Zwar kommen Wahnsinn und Verruchtheit auf ihre Kosten sobald sie in Szene gesetzt werden, verlieren jedoch an Würze durch die etwas lieblose Darstellung.

Und nun kam Hollywood in Form von Regisseur David Fincher („Fight Club“) und Drehbuchautor Steven Zaillian („Hannibal“) und verpackten den ersten Teil der Trilogie in ein neues Gewand mit typischen amerikanischen Ecken. Steven Zaillian hat sein Können aus dem „Hannibal“-Film wieder gekonnt unter Beweis gestellt, ohne die Brutalität aus den Büchern und der ersten Verfilmung an Härte verlieren zu lassen. Ganz im Gegenteil, die Neuverfilmung besitzt einen Grad von Perversität, die man in den schwedischen Filmen vermisst. Gezielt setzt Zaillian Pointen, die trotz der Düsternis des Films treffsicher sitzen und zur zwischenzeitlichen Entspannung beitragen.

Den augenscheinlichen Unterschied zu dem Film von Oplev findet man darin, dass Fincher seinen Fokus klar auf die Charaktere und die zwischenmenschlichen Beziehungen legt. Die Aufklärung des Mordes hingegen wird eher sekundär behandelt. Aus diesem Grund bleibt der Zuschauer auch bis kurz vor Ende des Films im Dunkeln und stößt quasi mit den Figuren aus dem Film auf die Lösung. Oplev hingegen verscuht die Zuschauer auf eine falsche Fährte zu setzen, was ihm zwischenzeitlich auch kurz gelingt. So ist es in der amerikanischen Verfilmung wesentlich deutlicher gelungen, die zum einen freundschaftliche und zum anderen väterliche Beziehung zwischen den Protagonisten aufzubauen.

Michael Nyqvist („Atemlos“) und Noomie Rapace („Sherlock Holmes: Spiel im Schatten“) stellen ihre Charaktere glaubwürdig dar. Jedoch fehlt den beiden die Harmonie zu einander. Nyqvist, der in aktuellen Filmen eher als „Bösewicht“ auftaucht, setzt in diesem Film sein Können als loyaler Journalist mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn unter Beweis. Jedoch stellt er nicht gerade den attraktiven und charismatischen Blomkvist aus der Roman-Vorlage dar. Hingegen schafft es Rapace den Autismus der Lisbeth Salander offensichtlich aufzuzeigen und trotz der harten Schale, die Rapace bei Salander auffällig verkörpert, lässt sie nicht außer Acht, wie tief Salander in ihrem Leben bisher verletzt wurde.

Die Hauptdarsteller bei Fincher, Daniel Craig („James Bond – Casino Royal“) und Rooney Mara („The Social Network“), lassen ihre Rollen authentisch miteinander agieren. Mit Christopher Plummer („Insider“) in der Nebenrolle als Auftraggeber Henrik Vanger füllt Fincher die Starbesetzung noch auf. Im Vergleich zu der alten Trilogie gibt vor allem Rooney Mara in extravaganter Optik, eher maskulin und verrucht, und authentisch dargestelltem Wahnsinn dem Film die notwendige Düsternis. Craig zeigt im Gegensatz zu den Bond-Filmen eher seine intellektuelle und verträumte Art, wodurch der knallharte Part im Team eindeutig von Mara übernommen wird. Doch muss man vergleichend klar sagen, dass der Autismus in diesem Film unklar und nur beiläufig leicht angedeutet zu sehen ist, obwohl diese Krankheit in der Vergangenheit von Salander und auch in den Filmen „Verdammnis“ und „Vergebung“ eine tragende Rolle spielt.

Die Wahl der Requisiten ist in der Neuverfilmung für die heutige Zeit passender gewählt. So sind beispielsweise die Büroräume von Millenium moderner ausgestattet, ebenso wie die Einrichtung des Sozialamtes die herrschende Unterdrückung untermalen. Fincher ließ auch die Protagonisten in passenderen Räumlichkeiten unterkommen. So wirkt die Wohnung von Blomkvist hoch modernisiert, im Gegenzug das Haus auf dem Vanger-Anwesen, in dem er während seiner Recherchen lebt, als hätte sich seit 40 Jahren keiner um diese Hütte gekümmert. Auch die Wohnung von Lisbeth wirkt in dem amerikanischen Streifen mehr auf den Charakter abgestimmt. Hier herrscht ein totales Chaos, während in der schwedischen Fassung eine Struktur erkennbar ist. Das gleiche Spiel ist bei Lisbeths Peiniger zu sehen. Während Lisbeth von Niels Bjurman im Original in einen ordentlichn Haushalt mit klar strukturierter Einrichtung empfangen wird, spiegelt die Neuverfilmung auch hier den aufwühlenden Ekel, der von dieser Person auf Lisbeth einwirkt klar wieder.

Ist nun also die Neuverfilmung besser oder schlechter als das Original?
Ich würde so keine Einordnung vornehmen wollen. Der Film ist in keinster Weise schlechter, aber auch nicht unbedingt besser. Er ist… ANDERS!

In einem Interview hat Fincher sich auch zu den Beweggründen der Neuverfilmung geäußert. Wie man es bereits vermuten konnte, ist diese Idee nicht seiner Feder entsprungen. Vielmehr wurde er überredet. Denn Sony war der festen Überzeugung , dass auf dem Filmmarkt zweimal Platz für die Stieg Larsson-Reihe wäre. Was sich meiner Meinung nach bewahrheitet hat. So hat sich Fincher nach seinen Dreharbeiten zu „Benjamin Button“ 2010 ans Werk gemacht. Aufgrund seiner Vorliebe für detailreiche und authentische Umsetzung, ist er mit seiner zehnköpfigen Crew nach Schweden gereist, um in ganzen 150 Drehtagen alles einzufangen.
So ist Fincher erfolgreich in sein Genre des Thriller zurückgekehrt und lässt hoffen, ob auch die zwei anderen Teile verfilmt werden. Daniel Craig und Rooney Mara haben sich bereits positiv dafür ausgesprochen. Damit ist auf jeden Fall ein Weg für die erfolgreiche Umsetzung geebnet. Wer die schwedischen Filme kennt, weiß, dass in den Fortsetzungen noch weiter in die abtrünnigen Tiefen der Menschheit eingetaucht wird, was bei dem Duo Fincher und Zaillian nur zu einem weiteren brilliantem Spiel zwischen perverser Brutalität und actiongeladenem Krimi führen kann.

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